ZINBEELDEN – HEIKE WALDOR SCHÄFER

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Tekstregel a
: De wijn was goedgekeurd en ingeschonken, de kelner liep weg, Marc draaide zich naar hem terug, tilde zijn glas op, dronk hem andermaal toe.
Uit: Thomas Roosenboom – Zoete mond Blz. 243, r.28

 

Der Zufall also ist es, der Leben macht.
Die Zahlen sind es, die lenken.
Das, was wir bisher dachten, ist also ein Irrtum.

„Der Wein wurde genehmigt und eingegossen, der Kellner ging weg, Marc drehte sich zu ihm um, hob sein Glas und trank es erneut.“

 

Die Gedanken würfeln mich in einen dieser wunderbar tröstlich-ruhigen Orte, die etwas vergoren „Biergärten“ genannt werden.
Nein, nicht diese modischen Touristenfänger mit bajuwarischem Ramtamtam. Neinnein, einer dieser alten, gewachsenen, in die Natur gepressten und mit ihr verwobenen Bier-Gärten – mit wundervoll alten und mächtigen Bäumen, deren Kronen Erhabenheit fächern.
Im Sommer eine Umarmung aus grünem Leben.
Ein Mann sitzt auf einem dieser weißen, hölzernen Stühle, auf denen man immer fürchten muss, sich irgendetwas einzuklemmen.  Niemanden stört es, dass dieser Mensch im Biergarten kein Bier trinkt – sondern Wein. Weißwein.
Durchgekühlt.
Das Glas ist beschlagen, es perlen kleine Wassertropfen von der gläsernen Haut, ein großer Tropfen schubst einen kleinen an die Seite –  und schon vermengt er sich mit einem anderen und noch einem und noch einem…
Der Gast ist ein hochgewachsener, schlaksiger Typ und  doch zeichnet ihn eine gewisse elegante und zugleich sympathische Feinheit aus – er trägt eine graue Stoffhose „mit Bügelfalte“, das helle Hemd ist zwei Knöpfe weit offen – vermutlich liegt eine Aktentasche auf dem Stuhl neben ihm.
Es verwirrt – der Weinfreund sieht ein wenig aus wie Christian Drosten – einer dieser Chefvirologen, die auf allen Kanälen zu finden sind, um über die Bedeutung der Reproduktionsrate aufzuklären.Jeden Tag neu. Das Unsichtbare nistet sich im Unterbewusstsein ein – das ist unfair. Man will seinem Gegner in die Augen schauen.
Der Kellner hat keinen Mundschutz an. Der Mann mit der Aktentasche die man nicht sieht, atmet tief aus. Als alles noch anders und normal war, war er nie hier.  Er nippt am Wein. Und statt das nun halb volle Glas wieder auf den Tisch zu setzen, hebt er es hoch – ins Licht, den Baumwipfeln entgegen – als wolle er prüfen, ob das Glas gut geputzt ist oder zumindest als wolle er den beblätterten Riesen zuprosten.
Was, wenn es sein letztes Glas wäre? Schmeckt das Leben anders, wenn man sich bewusst wird, dass es vorbei ist? Wird es bitterer oder süßer?
243 – 28.
Mit festem Druck kritzelt der Nicht-Drosten die fünf Ziffern auf die etwas zerknautschte Papierserviette, auf der ein kleines Väschen platziert ist, in dem unschuldig eine rosafarbene Gerbera ihn anlächelt.
243 – 28.
Die Zahlen kamen zufällig, unvermittelt, spontan. Es hätten auch ganz andere sein können – aber dann wäre die Geschichte eine andere geworden, das Leben wäre ein ganz anders. Man kann es Zufall nennen. Oder Schicksal. Glück oder Pech, ja, man kann es auch Gott in die Schuhe schieben, wenn man unbedingt einen Verantwortlichen braucht, einen Grund, eine Erklärung.
Das Glas ist leer.
Der Mann lehnt sich zurück und hält nach dem Kellner Ausschau.

 


 

Tekstregel b: Zo deftig dat de naam slechts met heel kleine letters in de zwarte gevel staat: Maison Davina
Uit: Anna Enquist – Het meesterstuk Blz. 60 – r.11

 So nobel, dass der Name nur in sehr kleinen Buchstaben in der schwarzen Fassade steht: Maison Davina.

 

das Rascheln von Buchseiten…

eine unbändige Melange aus Aufgeregtheit, Vorfreude,  nahezu sinnlichem Verlangen…

 

Madame Brigitte tritt ins Licht. Eine stattliche Fau mit kräftigen Oberarmen und einem so ausladenden Hinterteil, dass man mühelos einen Stapel Bücher auf dem Plateau zwischen Lendenwirbel und Kreuzbein platzieren könnte. Madame Brigitte muss etwa im fünften Lebensjahrzehnt angekommen sein,  die Verzierungsnarben, die man ihr in jungen Lebensjahren auf die Wangen und in die Stirn geritzt hat, sind milder geworden, verleihen ihr aber gerade bei den jungen Mädchen im Maison Davina Respekt und Anerkennung.

Maison Davina – noch kann man die Buchstaben erkennen, die vor vielen Generationen ein wohlhabender Hausherr auf die Fassade hat malen lassen.

Wie alle afrikanischen Frauen liebt Madame Brigitte kräftige Farben – der Stoff ihres Wickelrocks, knallgelb und quietschgrün mit orangenfarbenem Tropfenmuster, kaschiert kein Gramm ihrer Körperfülle. Doch wenn sie sich in Bewegung setzt, scheinen ihre Flipflops den Boden kaum zu berühren, so leicht, so elegant, ja, anmutig wie eine Tänzerin  ist jede ihrer Bewegung.

Niemand hat Madame Brigitte jemals schlecht gelaunt gesehen – Dieu est amour – diese Unerschütterlichkeit hat sie durchs Leben getragen. J’aime le seigneur et le seigneur nous aime tous.

Vor einigen Jahren hat sie resolut und zupackend das leerstehende und vergammelte  Kapitänshaus am Strand in Beschlag genommen. Ein altes Herrschaftshaus aus portogiesischer Kolonialzeit, mit eckigen Türmchen, vielen Zimmern und einer kleinen grünen Wildnis rundherum, die einmal ein prächtiger Park gewesen sein muss. Vom Balkon in der ersten Etage hört man das Meer besonders schön. Die Wellen kommen und gehen, immer und immer wieder, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, seit Hunderten von Jahren. “Da ist so viel Kraft”, sagt Madame Brigitte.

Acht Mächen haben im Maison Davina Zuflucht gefunden inzwischen. Neun Jahre alt ist Jüngste, 13 die Älteste. Ihre Familien, wenn es denn noch eine gab, haben sie auf die Straße geschickt, sie haben ihre Körper verkauft. Ein Euro für die schnelle Nummer, Sex all inclusive zu 1,50 Euro.

Madame Brigitte bietet ihnen die Alternative. Jeden Tag etwas zu essen,  Sicherheit, Schutz, aufrechte Liebe. Eine kleine Nähschule ist im ehemaligen Speisesaal eingerichtet. Durch das Fenster, das irgendwann wohl einmal Scheiben hatte, weht sanft und warm der Wind, den das Meer mitbringt.

 


 

Tekstregel c: Ten slotte kwam ze bij een schuur midden op het land.
Uit: Jan Siebelink – De overkant van de rivier   Blz 223, r.2

Regel: Schließlich kam sie zu einem Schuppen auf dem Land.

 

Eine schmale, längliche Pappschachtel. Mit den Jahren etwas angegilbt – aber äußerlich völlig unversehrt.  Sogar die handschriftlichen Notizen auf dem Karton sind nach all den Jahrzehnten des Vergessenen klar zu lesen – und das, was ihr Inhalt einmal wert war: “5,- D.M.”  Fünf D-Mark.
Dass ich an einem Donnerstag geboren wurde, ja, das hatte mein Unterbewusstein irgendwann einmal abgespeichert. Aber jetzt wusste ich plötzlich auch, dass es an einem Donnerstagmorgen war, um genau 10 Uhr und fünf Minuten.
Seltsam, dass es uns gut tut, gewisse Dinge immer exakt mit Datum und Uhrzeit benennen zu können…
Schließlich kam sie zu einem Schuppen auf dem Land —
Maria, schießt es mir sofort durch den Kopf. Natürlich, Maria, wer sonst? Maria, Mater Dei, Mutter Jesu Christi. Sie ist die einzige Frau, von der ich weiß, dass sie einen Schuppen auf dem Land aufsuchte – um ihren Sohn zur Welt zu bringen.

Ich bin in einem Krankenhaus auf die Welt gekommen. Ich nehme an, wohlbehütet – zumindest ist mir nichts anderes zu Ohren gekommen.

Die längliche Schachtel habe ich vor vielen Jahren bei der Auflösung der Wohnung meiner Eltern entdeckt. Ganz oben im obersten Fach des Schlafzimmerschranks tauchte sie unvermittelt unter einem Stapel weißer Leinentücher auf. Ich nahm sie verwundert in die Hand, öffnete sie vorsichtig und war – verwundert, ergriffen, irritiert.
Dass ich einmal geboren wurde, nun, das war nicht zu leugnen, deutlich für jeden ersichtlich und für mich jede Minute, jede Sekunde spürbar, aber nun hielt ich einen Beweis in Händen, der gewissermaßen von neutraler Seite aus dieses Ereignis dokumentierte. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Behutsam packte ich alles wieder ein und das Schächtelchen wanderte in meinen Schlafzimmerschrank, oberstes Fach. Es hat mehrere Umzüge überstanden, beim letzten bekam es einen Ehrenplatz in meinem Arbeitszimmer. Regal ganz oben, ein nie zu Ende gelesenes Exemplar von Vergils Aeneis, die gesammelten Werke von Wilhelm Raabe im Doppelschoner und ein Kästchen mit Briefen, die ich einfach nicht wegwerfen kann, als stützende Liegefläche darunter.
Und es ward wieder vergessen. Geöffnet habe ich den Karton nie wieder – aber jetzt…

Das Licht des Lebens – du meine Güte, es hätte wahrlich des öfteren seinen Dienst schon tun können statt teilnahmslos in irgendeiner Ecke vor sich hin zu düstern – denke ich noch so – und doch schleicht sich eine stille Freude geheimnisvoll in mein Herz.
Ganz leicht lässt sich das Deckelchen anheben, ein kleiner aufgebröselter Fitzel watteweichen Papiers fällt heraus – drinnen ein rundes Plättchen mit sorgsam hineingekritzelten Gundinformationen: Länge 50 cm, Gewicht 3280.
Da ist einiges hinzugekommen, denke ich. Nunja, ist lange her, als alles anfing.
Und dann liegt sie in meiner Hand – meine Taufkerze. Schlank (ich seufze), also sehr schlank, ein sehr frommer Spruch (In Nomine Patris Et Filii (über das vorletzte i klebt frech ein dicker Tropfen Kerzentalg) Et Spiritus Sancti Amen.

Einmal hat sie leuchten dürfen, ein einziges Mal – vor 60 Jahren, am 14. November 1960.

Wer sie wohl gehalten hat, damals. Wer hat sie ausgepustet (so schwungvoll, dass zwei kleine Talgrinnsale hinunterliefen und erst in Höhe des Spiritus Sancti zum Stillstand kamen)? Wer hat sie dann eingewickelt und in den Karton gelegt?
Und wa-rum um alles in der Welt habe ich nichts davon gewusst?

Ich rolle den Beginn meines Lebens wieder vorsichtig ein.
Und nun?
Ich müsste sie wieder anzünden, oder?
An einem schönen Sommerabend bei einem Gläschen Wein auf der Terrasse – das geht irgendwie nicht. Das wäre so – unerhaben.
Beim nächsten Geburtstag? Das dauert echt noch lange und ist, ehrlich, spießig.
In meiner Sterbestunde? Ein bisschen spät. Und wer weiß, ob sie gerade dann auch greifbar ist. Und außerdem: Ich will ihr Leuchten doch spüren, es sehen,
es genießen.
Ich muss das noch klären.
Ich weiß ja jetzt, dass sie da ist.
Bereit ist.
Geduldig wartet auf den Moment, in dem es gilt.
Das ist spannend. Schön. Und irgendwie heilig.

Nein. Stopp. Alles auf Null.
Jetzt ist der Moment. Genau jetzt!

 

 

 

on mei 1 • by

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